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Die Stimme für Kinder

Umgang mit jugendlichen Straftätern

Unabhängig von parteipolitischen Interessen ist die Debatte über Jugendkriminalität in Deutschland jedoch überfällig und muss geführt werden. Mehr als 100.000 unter 14-jährige (ohne die Dunkelziffer) waren in Deutschland im Jahr 2006 straffällig. Aufgrund fehlender Strafmündigkeit ist für diese Täter das Jugendhilfesystem zuständig. Die hohe Zahl von Fällen aus Familien, die den Jugendämtern in der überwiegenden Zahl bekannt sind, verdeutlicht, dass die Jugendhilfe auch auf diesem Feld schlichtweg versagt. Delinquente Kinder und Jugendliche erhalten in keiner Weise ausreichend die Unterstützung, Förderung aber auch die erforderliche zeitnahe, d.h. mit der Tat unmittelbar in Verbindung stehende pädagogisch erforderliche Sanktionierung, die sie benötigen, um eine Chance zu bekommen. Denn dafür fehlen die Strukturen, der Wille und das Geld.

Wir brauchen eine tabulose Debatte darüber, wie man auch 12- oder 13-jährigen, die bereits mit hoher krimineller Energie handeln, davon abbringen kann, eine kriminelle Karriere fortzusetzen. Hier können Instrumente des Jugendstrafrechts, verbunden mit einer intensiven Betreuung durch geschulte Pädagogen, durchaus Wirkung zeigen.

Pauschalisierungen helfen nicht weiter. Stattdessen brauchen wir Einzelfallentscheidungen, zugeschnitten auf die Persönlichkeit und Reife des jeweiligen Kindes. Daher bringt auch die allgemeine Forderung nach zusätzlichen geschlossenen Heimen nichts. Die Maßnahmen helfen einem Kind, bei einem anderen wiederum wirken sie kontraproduktiv. Viele europäische Länder reagieren hier wesentlich flexibler. Deutschland liegt mit 14 Jahren ganz oben bei der Strafmündigkeit. Die Schweiz etwa, die die Strafmündigkeit bei 10 Jahren festgeschrieben hat, macht beste Erfahrungen damit. Anstatt eine Debatte über eine Herabsetzung zu verteufeln, sollten wir über den Tellerrand schauen und die  Erfahrungen anderer Länder nutzen.

Es gilt der Grundsatz, dass Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen erst aktiv werden, wenn ein Kind zum Täter geworden ist. Und dies mit der in diesem Bereich schon typischen zeitlichen Verzögerung. Dabei beginnen die Probleme bereits im Kindergarten- und Grundschulalter. Es fehlt an Ressourcen und Angeboten im Bereich der Prävention. Solange wir unsere Kinder- und Jugendhilfe nicht umbauen, viel dichter an die Kitas und Schulen heranbringen, Sozialarbeiter und Psychologen standardmäßig in Schulen, wie etwa in Frankreich einsetzen, wenn wir gerade in den sozialen Brennpunkten nicht massiv die Angebote für Kinder und Jugendliche ausbauen, statt sie weiter zu kürzen, haben wir keine Chance, Jugendkriminalität zu verhindern. Wir brauchen eine Integrations- und Bildungsoffensive. Kinder und Jugendliche, die Perspektiven haben, sind für Gewalt und Kriminalität weniger anfällig. Betrachtet man die Lebensläufe krimineller Jugendlicher, dann müssen wir feststellen, dass dadurch, dass wir die Eltern in ihrer Überforderung allein gelassen haben, es nicht geschafft haben, ein flächendeckendes Netz an Familienhilfe zu etablieren. Diese Kinder wurden nicht erzogen und so vernachlässigt, dass die kriminelle Karriere absehbar war. Wir müssen also auch hier unmittelbar bei der Elternhilfe ansetzen und die Familien stabilisieren.